Über Voltaire…
“Gebt mir einige Augenblicke Zeit um mein Gesicht hinfortzuplaudern – und ich verführe die Königin von Frankreich!” (Voltaire)
…die Frage nach der Zukunft der Integration in Deutschland
Ali: Mittlerweile bin ich der Meinung, dass das Thema “Integration” von großen Teilen der deutschen Bevölkerung sogar als “Schick” bezeichnet wird. Es ist immer gut Gutes zu tun. Es ist gut für das eigene Gewissen! Man geht hinüber zur türkischen Nachbarin, fragt sie was das Kopftuch zu bedeuten darf, was sie vom Islam hält oder fragt höfflich nach dem privaten und traditionellen Köfte-Rezept; Exotisches ist wundervoll, so geheimnisvoll, auch lecker. Man lernt einige, zu bestimmten Anlässen passende Floskeln, wenn man den netten russischen Nachbar danach fragt. So ist man sehr stolz auf sich, wenn man auf einmal in zwei Sprachen, mit zwei unterschiedlichen Kulturen, auf das eigene Wohl anstoßen kann. Man feiert, wenn die Jungs der Nationalmannschaft wie Kuranyi (Brasilianischer Migrationshintergrund), Podolski (Polnischer Mig.Hintergrund) oder Klose (Ebenfalls polnisch-deutscher Mig.Hintergrund) Spiele oder gar Meisterschaften gewinnen.
Fritz: Was passiert aber, wenn auf einmal ein griechischer Anwalt die Interessen vertritt, wenn ein polnischer Arzt nach dem Wohlbefinden schaut, ein senegalesischer Schriftsteller mit deutschen Literaturpreisen überhäuft würde oder ein dänisch-stämmiger Politiker der Meinung wäre, dass auch Schüler in Bayern dänisch lernen sollten? Ah, super, man sagt: “Das gibt es schon! Bis hierhin nichts Besonderes!” Aber: Allesamt sind Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und sogar in Deutschland studiert haben! Gemein gesagt: Erfolgreicher sind (Beruflich, sportlich, privat etc.) als Teile der einheimischen Bevölkerung! Was wird dann passieren? Wie werden die Menschen in Deutschland darauf reagieren?
Guten Rutsch!
Euer Filou wünscht euch und eurer Familie einen guten und gesegneten Rutsch ins neue Jahr
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Ich stoße darauf an, dass es euch im neuen Jahr gut geht, wünsche euch Gesundheit, Liebe und Erfolg! Auf bald…
Frohe Neujahrsgrüße,
Euer Filou
…den Weg der “neuen deutschen Elite”…
Ali: Die Sinus-Studie macht es vor: Integrationsproblem? Lediglich rudimentär. Der größte Teil der nicht-deutschen Bevölkerung will sich integrieren oder hat es schon getan! Interessant sind hier die zentralen Ergebnisse der Studie:
Fritz: Acht Migranten-Milieus sind definiert worden, davon sind mehr als die Hälfte mit einem starken Integrationsgedanken versehen! Entweder streben sie die Integration an oder sind schon integriert.
Vielfalt als Chance! So sieht es die deutsche Politik. Menschen wie Wladimir Kaminer, Kaya Yanar und Cem Özdemir machen es vor. Oder auch mein guter Freund Kostantinos. Seine Eltern kamen vor 30 Jahren aus Griechenland nach Deutschland. Sie lernten sich hier in Deutschland kennen und lieben, sind bis heute verheiratet. Etwas, dass viele andere Familien nicht mehr erreichen. Kostantinos ist über den zweiten Bildungsweg nach oben gekommen: Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Universität. Die deutsche Sprache war nur in ganz jungen Jahren ein Problem. Jetzt will er davon nichts mehr wissen; ganz im Gegenteil: Erst kürzlich veröffentlichte er ein eigen verfasstes Buch. Auf Deutsch! Er gehört, so würde es die Sinus-Studie nennen, zum multikulturellen Performermilieu, ist jung und flexibel, ist integriert und strebt in Deutschland nach mehr. Er will was erreichen, will nach oben und kämpft sich durch! Sein Leben ist ein Kampf, er lässt alles andere liegen um seine Ziele zu erreichen. Wenn es sein muss auch die Liebe.
Diese Menschen sind die „neue deutsche Elite“. Darf man es so nennen? Wohl nur mit vor den Mund gehaltener Hand. Oder? Wie sieht es der „gemeine Deutsche“? Wie sieht er die Zukunft seines Landes? Kann er unter einem Nicht-Deutschen als Führungskraft arbeiten? Einem, der ausnahmsweise nicht aus Österreich kommt?
Ali: Wie wird er reagieren, wenn er eines Tages aufwacht und sieht, dass die gute deutsche Literatur von einem Migranten vertreten wird? Wenn seine Unterhaltung in den Abendstunden von einem türkisch-stämmigen Comedian gestaltet wird? Seine politischen Interessen von einem Türken? Wie wird er reagieren, wenn in naher Zukunft seine Kinder von einem Migranten unterrichtet werden? In deren Muttersprache? Wird es ihn glücklich stimmen, dass seine Kinder ihre Muttersprache von einem Nicht-Muttersprachler lernen? Wie wird er reagieren, wenn er mit eigenen Augen sieht, dass sein Sohn täglich bis 14 Uhr schläft, dann mit Freunden seinen Tag verbringt, mit ihnen Zigaretten raucht, schon sehr früh am Tage Alkohol trinkt, evtl. sogar seit seinem sechzentehn Lebensjahr Vater ist aber unfähig und lustlos eine Familie aufrechtzuerhalten? Und wenn er dann sieht, dass „der Migrant“ seit seinem vierzehnten Lebensjahr arbeitet, Zeitungen austrägt und was auch immer, zielstrebig von ganz unten nach ganz oben kommt, weil er nach Antworten sucht, die ihm keiner geben konnte; Alkohol und Zigaretten nur zu bestimmten Anlässen zu sich nimmt, sich nicht nur in einer Sache weiterbildet sondern in mehreren und bei jeder auch noch so leidenschaftlichen Situation das Kondom nicht vergisst und sich so seinen Weg bahnt: Seinen Weg nach oben zur „Elite“. Was wird der Deutsche dann denken? Von sich? Seinem Sohn? Dem „Neu-Deutschen“? Anerkennung? Freude? Neid?
Ali: Wir sind an einem Punkt der Gesellschaft angelangt, an dem die Frage der Integration einer Frage nach der „Zweiten Aufklärung“ weicht! Nicht mehr der Migrant muss integriert werden, sondern der Deutsche MUSS aufgeklärt werden! Er sollte wissen wohin sein Weg ihn führen wird. Wohin sein Land schreitet! Er muss wissen, was seine Nachkommen erwartet!
Seine Agressionen sollten die Politik interessieren, nicht die Agressionen der nicht-deutschen Jugendlichen. Diese werden ohnehin bei jedem kleinsten Anlass in der Öffentlichkeit breitgetreten! Wer weiß überhaupt was der alte Mann damals in München zu den beiden sagte? Die Kameras haben nur die Tat danach dokumentiert, nicht den Wortwechsel! Und doch: Eine solche Tat darf und sollte man nicht verherrlichen und akzeptieren! Aber: Dass allerdings Studien erwiesen haben, dass die deutschen Jugendlichen eher zur Gewalt neigen, ist wohl irrelevant. Ein nicht unerheblicher Faktor!
Viele Fragen, kaum Antworten. Der Weg der „neuen deutschen Elite“ ist nunmehr geebnet. Wohin er führen mag ist wohl am deutlichsten ungewiss. Wir wissen nur wo er begonnen hat und wo er heute steht…
Der moderne Autor…
Unsere Gesellschaft ist schon lange Teil eines großen Umbruchs. Adorno nannte sie „eine Massengesellschaft […]“ (Tiedemann 1970; 132). Wir haben täglich mit Neuem zu kämpfen, Umbrüchen aller Art. Viel, reichlich und massiv ist alles Neue. Die Welt und die Zeit stehen nicht still, jeder würde sich wünschen alles innerhalb jener 24 Stunden zu schaffen.
In jener Zeit kommt der Rolle des Autors eine besondere Rolle zugute. Er ist nicht mehr der in einer kleinen Kammer sitzende und schreibende Mensch. Er ist nicht mehr von Herrschern abhängig, die ihn verwalten. Allerdings ist auch hier ein besonderes Gut einer Massengesellschaft zu verzeichnen: Der Markt wird von Büchern aller Art nahezu überschwemmt: Romane, Sachbücher etc. Alles ist schnelllebiger geworden, natürlich auch der Informationsfluss. Wer kommt da noch mit dem Lesen hinterher?
Aber zurück zur Rolle des Autors. Er ist Entertainer geworden, hat nun andere, besondere, Dinge um die er sich kümmern muss. Er ist nahezu Popstar geworden, wird verehrt, vergöttert. Manche Lesungen von Autoren sind schon Monate im Vorfeld ausgebucht, sie grenzen schon an Popkonzerte, in denen Menschen sich vor Lachen die Bäuche halten, weinen, sich erschrecken oder einfach bis in die frühen Morgenstunden feiern.
Was ist eigentlich nochmal Sylvester?
Alles soll angeblich mit Kaiser Nero angefangen haben. In seiner „geistigen Umnachtung“ soll er veranlasst haben das damalige Rom mit einer Feuersbrunst zu „erleuchten“ und damit sich und seine Tat unsterblich zu machen. Was daraufhin folgte war die bis dahin größte Judenverfolgung in der Geschichte der Menschheit!
In dieser Zeit feierten die Römer den Neujahrstag am 1. März; an diesem Tag wurden nämlich alljährlich die Senatoren und Würdenträger ernannt, somit startete auch zu dieser Zeit das neue Jahr. Auch eben jenen Römern haben wir die verwirrenden Monatsbezeichnungen zu verdanken: September (der Siebente) oder auch Dezember (der Zehnte). Dadurch, dass das Jahr am 1. März begann ist die Monatsbezeichnung einleuchtend. Als allerdings der Handel immer wichtiger wurde und feste Termine abgesprochen werden mussten, musste diese durchaus chaotische Zeiteinteilung überdacht werden: Kein geringerer als Gaius Julius Cäsar ließ daraufhin von einem ägyptischen Astronomen einen neuen Kalender entwickeln, den „Julianischen Kalender“. Der Astronom berechnete 365,25 Tage für ein Jahr, das heißt, dass alle vier Jahre ein zusätzlicher Tag notwendig wurde. Jener Kalender hatte bis zum frühen Mittelalter seine Gültigkeit!
Allerdings: Cäsars Kalender differierte um genau 0,0078 Tage. Bis 1582 hatte sich der Kalender um 10 Tage verschoben. Erst Papst Gregor XIII ließ aufgrund seiner Berechnungen einfach den 4. Oktober auf den 15 Oktober folgen. Damit war die Zeit wieder ausgeglichen. Er bestimmte auch, dass nur die Jahrhundertanfänge als Schaltjahr angesehen werden, die sich durch vier teilen lassen. Das war die Geburt des „Gregorianischen Kalenders“.
Die Kirche musste jetzt alle Feiertage neu fixieren. So wurden aus den finsteren germanischen zwölf Raunächten die zwölf heiligen Nächte, dem Julfest Weihnachten und aus der heidnischen Geisternacht die Nacht zum Jahreswechsel. Für diese Nacht musste nur noch ein passender Heiliger gefunden: Die Wahl fiel auf den am 31.12.335 verstorbenen Papst Silvest. Sylvester als Ereignis war geboren!
Dann: Einen guten Rutsch!!
Die “schmutzigen” Hände des Autors…
Wo ist noch zu sehen, dass DER LITERAT sich die Hände schmutzig macht? Sich nicht zu schade ist um aufzuwecken? Denn das Erwecken ist nahe und muss gewährleistet sein, ansonsten verliert die Literatur ihren WAHREN Wert…
Über einen gewissen Wert in der Literatur
Die Kurzgeschichte stammt ursprünglich aus Amerika; das Wort ist eine Übersetzung des Begriffes short story. Es gibt viele Formen literarischer Darstellung, warum ist in diesem Buch eine solch kurze gewählt worden? In Form von Kurzgeschichten und Gedichten? Denn das Buch beinhaltet 27 Kurzgeschichten und eine etwas längere Erzählung. Zudem noch etwas mehr als 59 Gedichte und unterschiedliche Verse sowie kurze philosophische Betrachtungen. Was sich im Titel widerspiegelt: „Prägnante Betrachtungen – Oder das Spiel mit der Sprache“, denn der Name ist Programm! Es hätte auch heißen können „In der Kürze liegt die Würze“, aber dann wäre es kein gescheites Handeln mehr gewesen. Das Spiel mit der Sprache, das Versuchen, das Herantasten an Lösungen und das „Betrachten“ wären nicht erfasst worden! All das beinhaltet dieses Buch: Es zeigt – fast etwas wirr – den Aufstieg und Fall des menschlichen Geistes.
Man darf wissen, dass das Leben die beeindruckenden Geschichten schreibt! Man möge nur die Augen öffnen und sehen, was Menschen in ihrem Alltag tun; das alles ist literarisch äußerst wertvoll. Ich wurde gefragt, wie ich darauf gekommen bin, das Buch zu schreiben. Nun es fehlte nicht viel dazu: Ein vernünftiger und ein unvernünftiger Blick auf den Menschen! Mehr brauchte ich dazu nicht. All das kostet Kraft und Zeit; diese hat man, wenn es in einem brennt und lodert! Und was das Motiv für das Verfassen angeht: In dem Augenblick wo sich der Mensch fragt, was wohl wäre, wenn man Einfluss auf die Welt hätte, wenn man mit einem Federstrich alles Böse negieren könnte, wird er zwangsläufig zum Schriftsteller.
Werfen wir einen wissenschaftlichen Blick auf den Deutschunterricht…
Was bedeutet eigentlich „Textkompetenz“? Was muss ein Individuum schaffen können um jene Textkompetenz zu beweisen? Wildemann (2006) zitiert dazu Feilke (2000) indem sie schreibt: „Feilke [benennt] vier Bereiche, die er für die Entwicklung von Textkompetenzen verantwortlich zeichnet: 1. Kontexte klären, 2. Texsortenbewusstsein entwickeln, 3. Texte gliedern, 4. Zusammenhänge deutlich machen“ (Lange/Weinhold 2006; 42).
Mit anderen Worten: Um sich einen Text adäquat erschließen zu können muss der Mensch in der Lage sein den vorhandenen Text in seinem Zusammenhang verstehen zu können, er muss ihn in eine Textsorte einsortieren und gliedern können. Daraufhin muss er jene „Zusammenhange deutlich machen“ können, indem er beweist, dass er den Text verstanden hat. Dazu eignen sich z.B. Fragen, die zum Text gestellt werden.
Allerdings: Um eine gute Textkompetenz entwickeln zu können muss sich zuvor ein zumindest geeigneter Sprach- und Schriftspracherwerb und eine dadurch zumindest ausreichende Lesekompetenz beim Schüler vollzogen haben.
Versuchen wir zunächst einen Blick auf den Sprach- und Schriftspracherwerb in der Schule zu werfen. Hierzu soll uns folgendes Zitat zur Annäherung des Begriffes hilfreich sein: „Durch den Begriff „Schriftspracherwerb“, der die Doppelbeziehung „Erstlesen/Erstschreiben“ ersetzt hat, wird ausgedrückt, dass Lesen- und Schreibenlernen in einer engen, nicht-trennbaren Beziehung interpretiert werden, und dass der Schriftspracherwerb als Grundlage des gesamten weiterführenden – dann lernbereichsgegliederten – Deutschunterrichts zu sehen ist. Die zentrale Konsequenz aus diesem Verständnis ist die, dass der Schriftspracherwerb nicht durch „abstrakte Einzelfertigkeitsübungen“ geschehen soll, sondern dass von Anfang an echte Kommunikationsaspekte und Lese-Schreibanlässe zu berücksichtigen sind“ (Abraham et al. 2007; 63).
Wir können aus diesem Zitat entnehmen, welchen Stellenwert der Schriftspracherwerb für den Deutschunterricht in der Grundschule, aber auch für den weiteren Bildungsverlauf des Schülers, bis hin ins Erwachsenenalter hat.
Weinhold (2006) bemerkt in ihrem Aufsatz zum Schriftspracherwerb, dass Lehrende „im sprachlichen Anfangsunterricht im ersten Schuljahr mit sehr heterogenen Lerngruppen zu tun haben. Einige Kinder können noch gar nichts lesen und schreiben, andere ihren Namen und wieder andere ganze Wörter oder sogar Sätze und Texte (Lange/Weinhold 2006; 18). Des Weiteren merkt sie dazu an: „So hat beispielsweise Neuhaus-Simon in einer empirischen Untersuchung in Köln und Unterfranken herausgefunden, dass etwa 4% der Kinder aus ländlichen Umgebungen und 2,5% der Kinder aus Städten bereits lesen können, wenn sie in die Schule kommen“ (Ebd.). Als Grund fügt Weinhold den „ungesteuerten Schriftspracherwerb“ (Ebd.; 19) auf und stellt folgende Punkte fest, wie ein ungesteuerter Schriftspracherwerb die sprachlichen Vorkenntnisse der Grundschüler positiv beeinflussen kann:
„ Wird dem Kind:
- oft vorgelesen?
- kann es Hörspiele oder Filme rezipieren?
- hat es Einblick in die Welt der Geschichten?
- lernt es formulierte Sprache und literarische Muster kennen?“ (Ebd.).
Abschließend schreibt sie zu diesen Punkten: „All dies sind Momente des ungesteuerten Schriftspracherwerbs, in dem das Kind Strukturen und Verwendungsweisen von Schriftlichkeit kennen lernt, an die es im schulischen Lernprozess anknüpfen kann“ (Ebd.).
Alles in allem heißt dies, dass die Aufgaben des oder der Lehrenden sehr viel komplexer dastehen als es oftmals den Anschein hat. Die Aufgabe ist schwer: Aus einer äußerst heterogenen Klasse eine Klasse zu formen, in der jeder Schüler langsam das Ziel erreicht Lesen und Schreiben zu lernen. Und die Bedingungen sind denkbar die Schwierigsten: Während die einen Kinder mithilfe der Eltern regelmäßig mir Schrift, mit Sprache und Kommunikation aller Art in Verbindung gesetzt werden, haben andere Kinder noch bis hin ins Jugendalter jene Komponente immer noch nicht für sich erschlossen. Ihr Sprach- und Schriftspracherwerb ist von Beginn an äußerst defizitär. Das Problem: Er wird es auch weiterhin bleiben.
Ein weiteres Themengebiet, das uns hier interessieren soll ist die Klärung des Begriffes Lesen und was darunter verstanden wird. Lesen ist nach Goodman (1977) ein „psycholinguistisch-kognitives Probierverhalten [und] schließt das Zusammenspiel von Sprache und Denken ein“ (Ebd.; 7). Gagné (1969) behauptet, das Lesen sei „die Produktion von Sprachlauten und die Zuordnung von Lauten zu geschrieben Buchstaben“ (Ebd.; 8). Durch das Lesen eröffnet sich das Individuum in unserer heutigen Zeit die Welt des Wissens. Egal ob Straßenschilder mit der Aufschrift „Stop(p)“, einem Autokennzeichen oder den Buddenbrooks von Thomas Mann. Lesen schafft erst Wissen, sagt was zu tun ist, ob stehen oder laufen und das richtige Lesen eröffnet unzählige Möglichkeiten bis hin zum Zweitspracherwerb.
„Lesenlernen bedeutet also […] durch verschiedene Analyse- und Syntheseprozesse in der Kette der Buchstaben zunächst die Silben zu identifizieren […]“ (Ebd.; 10). Bei vielen Schülern, die kaum Lesesozialisation vorweisen, ist solch ein Defizit auch noch bis hin zum Jugendalter, vor allem in der Hauptschule, anzutreffen.
Der Autor dieser Arbeit hat mit einem Experiment gewagt dies zu beweisen. Er hat sowohl von einem Hauptschüler als auch von einer Realschülerin Passagen aus Gerhard Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ lesen lassen. Das Ergebnis war ein unzureichendes Leseverhalten mit mangelndem Textverständnis. Mit anderen Worten: Die Dramaturgie des Hauptmannschen Textes wurde durch das schlechte Lesen den Schülern überhaupt nicht deutlich. Erst nachdem ihnen dramatische Passagen vorgelesen wurden, konnten die Schüler erst den tragischen Anklang der Geschichte verstehen.
In der Vorlesung vom 08-07-11 kamen zum Thema „Lesen“ folgende Punkte heraus:
„Lesen ist:
- visuelle Wahrnehmung
- Buchstabenkenntnis
- Zeilensprung/Leserichtung links -> rechts
- Graphem-Phonem-Zuordnung
- Synthese
- Außersprachliche Hinweise ausnutzen
- Innersprachliche Kontexthinweise
- Semantische/grammatikalische Restriktionen
- Ausnutzen von Textkohärenz
- Weltwissen
- Sinnerwartung, antizipierendes Lesen
- Sinnentnahme“.
An dieser Stelle soll ganz kurz folgendes Zitat einen Einblick gewährleisten wie der Autor den Bereich des Spracherwerbs, der Sprachsozialisation und der Sprachkompetenz versteht:
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.
(Ludwig Wittgenstein)
Es wird Zeit zum eigentlichen Bereich dieser Arbeit zu gelangen: Wie verhält es sich mit den sprachlichen Defiziten im Bereich der Lesekompetenz und des Sprach- und Schriftspracherwerbs von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund? Diesem Themengebiet kommt der Deutschdidaktikbereich „Deutsch als Zweitsprache“ näher. „Die Schulbevölkerung im Alter von 15 Jahren, die im Jahre 2000 durch PISA getestet wurde, stammte im Bundesland Bremen zu 40%, in Bayern zu 20% aus Zuwandererfamilien, bei beiden im Ausland geborenen Elternteilen lagen die entsprechenden Anteile immer noch bei 30 bzw. 15%“ (Abraham et al. 2007; 102). In diesem Zusammenhang spricht das Autorenkollektiv von „Chancengleichheit“. „Dass die Chancengleichheit dieser Kinder bereits weitgehend gewährleistet sei – vor allem wenn sie in Deutschland geboren sind, was für die Mehrheit bereits zutrifft -, besondere Fördermaßnahmen also nicht mehr nötig seien, ist eine sehr oberflächliche, eher von der eigenen Bequemlichkeit gesteuerte Sichtweise, die widerlegt wird durch den hohen Anteil ausländischer Schüler in Sondereinrichtungen und den geringen Anteil dieser Schülergruppe in Realschulen und Gymnasien sowie mit qualifizierendem Hauptschulabschluss“ (Ebd.).
Insgesamt muss hier, ebenso wie es Abraham et al. (vgl. Ebd.) tun, von Rahmenbedingungen gesprochen werden, die die Lernvoraussetzungen der nicht-deutschen Schüler mit der deutschen Sprache symbolisieren. Daher zitiert Abraham et al. Apeltauer in dem es heißt: „Apeltauer (1987) nennt neben familienzentrierten Faktoren auf die der Lehrer wenig einwirken kann (Bildungserwartungen der Eltern oder Rezeption deutscher Medien), weitere Faktoren, die durchaus in den Einflussbereich der Schule fallen, nämlich Teilnahme an deutschen Bildungseinrichtungen, Kontakte zu deutschen Peergroups, Einstellungen der Kinder zum Zweitspracherwerb“ (Ebd.). Deshalb heißt es: „Der Deutschlehrer – als guter Beherrscher seiner Muttersprache – hat es besonders schwer, sich in die Rolle eines Sprachlernenden zu versetzen, zu selbstverständlich und unproblematisch ist ihm der Umgang mit den Schwierigkeiten der deutschen Sprache“ (Ebd.; 103).
Dabei ist, wenn man die Situationen der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund explizit betrachtet, dass diese weitaus häufiger ihre Erstsprache verwenden, die häufig nicht Deutsch ist. Oftmals sprechen sie zu Hause weniger Deutsch als die Sprache ihre Eltern. Auch sprechen diese Heranwachsenden verschiedene Lekte einer Sprache, hier ist u.a. das Beispiel der Jugendsprache anzuführen, die auch in der Muttersprache der Kinder und Jugendlichen zu finden ist.
Dazu muss man in diesem Thema die Alltags- und die Schulsprache unterschieden: „Sprachliches Handeln im Alltag hat unmittelbare, persönliche Relevanz und ist gestützt auf persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke. Die praktischen Aspekte in der alltagsbezogenen Kommunikation treten in der Schule in den Hintergrund zugunsten einer Auseinadersetzung mit Themen, Gegenständen und Sachverhalten, bei der die objektive Betrachtung und die genaue Beschreibung bzw. Darstellung in den Vordergrund rückt. Sich schulisch mit Gegenständen zu beschäftigen, bedeutet daher: Mit Begriffen und Konzepten zu operieren, die nicht unmittelbar aus der Alltagserfahrung heraus einsichtig, sondern vielfach nur vorstellbar sind“ (Lange/Weinhold 2006; 135).
Den Deutschlehrern der Zukunft kommt daher eine sehr hohe Verantwortung im Sprach- und Schriftspracherwerb zugute. Auch gerade aus dem Grund, weil Deutschland Zuwandererland ist und auch in Zukunft Zuwanderung braucht.
„Die häufigen schulischen Probleme von Migrantenkindern und –jugendlichen, die sich v.a. in den Bereichen der Lesefähigkeit, der Mathematik und der Naturwissenschaften zeigen, weisen jedoch darauf hin, dass es vor allem Zweitsprachenlernende sind, die oft nicht über eine ausreichende Textkompetenz verfügen: Der Leistungsstand zwischen den muttersprachlichen Lernern und den Zweitsprachenlernern aus gesellschaftlich wenig anerkannten sprachlichen Minoritäten ist in den meisten europäischen Ländern eklatant“ (Ebd.; 129).
Es soll ein Vergleich gezogen werden. Dieser Vergleich bezieht sich auf die unterschiedliche Umgangsweise der Arbeitstechniken, die den Schülern und Jugendlichen im Laufe ihrer Schulkarriere von ihren Lehrkräften beigebracht werden. Der nächste Punkt ist, dass alle Jugendlichen, die am Entstehen dieser Arbeit mitgewirkt haben, nicht-deutscher Herkunft sind; d.h. einen Migrationhintergrund aufweisen. Zu guter letzt sind die Jugendlichen aus drei verschiedenen Schulformen und werden sich mit Textaufgaben aus der PISA-Studie 2003 beschäftigen und versuchen Fragen zum Text zu beantworten. Zum Schluss soll ein Vergleich gezogen werden bez. der Umgangs- und Arbeitsweise mit deutschen Texten zwischen nicht-deutschen Jugendlichen aus den Schulformen: Haupt- und Realschule, sowie Gymnasium/Abitur.